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Johann Wilhelm Wilms | Symphonies 1 & 4, Overture in D
NDR Radiophilharmonie, Howard Griffiths
  Erscheinungsjahr:
Label:
ASIN:
Format:
Länge:
Aufnahme:
2009
cpo
777 209-2
SACD (CD-Anzahl: 1)
65' 13
DDD (Surround, Hybrid Multi-Channel Stereo)
Titel:
01. Symphony No. 1 op. 9 in C major | 25' 38
02. Overture in D major | 09' 51
03. Symphony No. 4 op. 23 in C major | 29' 38
Rezensionen
Der 1772 im Bergischen Land geborene Johann Wilhelm Wilms gehört zu einer Generation von Komponisten, die von der Geschichtsschreibung wie von der Rezeption her sehr vernachlässigt wurde, weil der übermächtige Schatten Beethovens ihnen in den Augen der Nachwelt keine Chance ließ. Selbst ein Komponist wie Wilms, der nicht nur sein Handwerk beherrschte, sondern auch über beträchtliche künstlerische Originalität verfügte, geriet – obwohl er zu seinen Lebzeiten höchst erfolgreich war – nach seinem Tod 1847 schnell in Vergessenheit.

Wilms ließ sich im Alter von neunzehn Jahren als Pianist, Flötist und Lehrer in Amsterdam nieder und wurde eine der einflussreichsten Persönlichkeiten des niederländischen Musiklebens. Sein kompositorisches Oeuvre ist umfangreich. Es umfasst allein sieben Sinfonien, 5 Klavierkonzerte, Kammermusik und Vokalmusik, darunter das Lied Wien Neêrlandsch Bloed, das zur inoffiziellen Hymne der Niederlande wurde. Die C-Dur-Sinfonie op. 9, deren erste nachweisbare Aufführung 1806 im Leipziger Gewandhaus stattfand, ist ein ungemein frisches Werk, das an Haydn anknüpft (deutlich zu spüren etwa im an die Militär-Sinfonie erinnernden Mittelteil des zweiten oder im an dem der „Londoner“ ähnelnden bordunartigen Beginn des letzten Satzes), das aber in der Anlage wie im Detail ganz eigene Wege geht. Wilms verschiebt gekonnt die formlen Schwerpunkte und bringt eigene schlüssige harmonische Konstruktionen.

Vollends individuell gibt sich die c-Moll-Sinfonie op. 23, die ebenfalls mit großem Erfolg im Leipziger Gewandhaus aufgeführt und anlässlich ihrer Drucklegung von E. T. A. Hoffmann ausführlich gewürdigt wurde. Der zwingend gebaute Kopfsatz (mit einer großen pathetischen Introduktion), das widerborstige Menuett oder das unheimliche Finale mit seiner fulminanten Stretta überzeugen in jedem Moment und empfehlen das Werk für einen festen Platz im Repertoire. Wilms Orchesterbehandlung, die Klarinetten, Trompeten und Pauken einbezieht, ist ausgesprochen wirkungsvoll in den formalen Zusammenhang integriert und weist gelegentlich schon auf Romantik von Mendelssohn oder Weber voraus. Howard Griffiths robuste Wiedergabe, die viel Elan besitzt und auf pastose Klangwirkungen zielt, mag noch nicht das letzte Wort bezüglich der Wiedergabe dieser Sinfonien sein, doch ist ihm und der souverän aufspielenden NDR Radiophilharmonie Hannover zu danken, diese Werke in höchst attraktiver Weise ins Bewusstsein der Hörer zurückgeholt zu haben.
(Sixtus König)
Künstlerische Qualität: 9 von 10 Punkten
Klangqualität: 9 von 10 Punkten
Gesamteindruck: 10 von 10 Punkten

Quelle: www.klassik-heute.de, 17.08.2009
Conductor Howard Griffiths seems to be very excited leading the NDR Philharmonie in the photograph reproduced on the back of the booklet of this CPO release and perhaps he should be: this disc contains two premieres in a program of music by Johann Wilhelm Wilms. If that name doesn't make you jump from your seat, bear in mind that Wilms was the top Dutch composer of orchestral music in his day, although he picked a rather unfortunate era in which to thrive, that of the early romantic, alongside Ludwig van Beethoven. Moreover, Wilms' music -- as noticed by contemporary reviews in the Allgemeine Musicalische Zeitung for which Wilms himself briefly served as the Amsterdam-based correspondent -- is clearly influenced by the example of Beethoven from practically its first note. But Wilms was by no means a Beethoven imitator, but someone who carved out a strongly individual style of his own within the parameters of Beethoven's innovative sound, and by 1820, Wilms was the most frequently heard orchestral composer in the Netherlands. However, by 1830 and the advent of Berlioz's Symphonie Fantastique, Wilms was already a forgotten man.

Of the two symphonies here, the Symphony No. 1 in C, Op. 9, has never been recorded before and it's a very strong outing, even though its place in the chronology of Wilms' symphonies is confused; though Wilms' No. 1 dates from the autumn of 1805 and was premiered in Leipzig on New Year's Day 1806, Wilms' unnumbered Symphony in E flat, Op. 14, appears to be earlier. It has a vibrant, heavily syncopated -- even at times jazzy -- opening movement Allegro vivace, an uncharacteristically jubilant and involved Andante, a lively Minuet, and bracing, high-speed Finale. It's not a work of genius, but it's a solid effort, engaging, highly entertaining, and features frequent unpredictable harmonic shifts that keep listeners on their toes. The Overture in D (1829) is a bit more conservative than the early symphony, but it has an infectious fugato in its center and some interesting high register writing toward the end, foreshadowing some aspects of Tchaikovsky; it is at least comparable to the music that Mendelssohn and Berwald were writing around this time. The Symphony No. 4, Op. 23, despite its numbering, appears to have been written almost immediately after No. 1 and, like the Overture, is a tad more stylistically reserved and even reflects to some extent the influence of late classicism. However, it does so, like Beethoven's Symphony No. 8, with a greater sense of breadth and variety, though not quite sharing Beethoven's tongue-in-cheek sense of humor in the latter work. Nevertheless, it is full of unusual features, such as the gradual emergence of a chorus of solo instruments toward the end of the second movement Andante into a texture reminiscent of the eighteenth century symphonie concertante.

Griffiths' enthusiasm -- readily apparent in the photo included -- carries over into this music with gusto, and CPO's hybrid multichannel SACD sounds great. If one is already strongly inclined toward Beethoven's symphonies and wondering where to go next, then it is probable that Wilms' music will appeal; he might not occupy the same exalted tier as the Bonn master, but this is not "minor" music, and the tier that Wilms does occupy is not very far below that of his idol.
(Uncle Dave Lewis, All Music Guide)

Quelle: Dilettante Music Ltd. 2009
Zwischen Haydn und Romantik

Es gibt immer viele Gründe, warum die Werke eines Komponisten, der zu Lebzeiten hoch geschätzt wurde, keinen Eingang in den Kanon des Konzertrepertoires finden. Bei Johann Wilhelm Wilms (1772–1847) mag seine schwer zuzuordnende Nationalität eine gewisse Rolle gespielt haben, denn kein Land, in dem er lebte, konnte ihn ganz für sich allein beanspruchen. Wilms war im Bergischen Land bei Köln geboren worden, hatte sich schon früh der Musik zugewendet und einige erfolglose Jahre im heutigen Wuppertal verbracht. Die dort herrschende kunstfeindliche Atmosphäre unter den führenden calvinistischen Kaufmannsfamilien vertrieb Wilms weiter nach Westen, nach Amsterdam, welches im 18.Jahrhundert eine wichtige Station für reisende Virtuosen und eins der großen europäischen Zentren des Notendrucks war. In Amsterdam gab es ein ausgeprägtes Interesse an der Musik. Man war den Künsten positiv gegenüber eingestellt, und die reichen Kaufleute zeigten sich gerne als Mäzene und Förderer der schönen Künste. So stieß Wilms hier auf ein ideales Arbeitsumfeld, weshalb er schon bald erste Erfolge feiern konnte. Er etablierte sich sowohl in den beiden wichtigen Konzertreihen der Stadt als auch als Musiklehrer, wodurch er Zugang zu den besten Kreisen bekam.

Ihren Höhepunkt erreichte seine Karriere zwischen 1805 und 1815, als er die patriotische Welle der Befreiungskriege nutzen konnte, um sich als niederländischer Komponist zu etablieren und wichtige Werke bei den großen Leipziger Verlagen veröffentlichen konnte. Die einflussreiche Allgemeine musikalische Zeitung war ihm zu dieser Zeit sehr wohl gesonnen, und es finden sich viele positive Rezensionen seiner Kompositionen. Doch dann trat ein durch Beethovens musikalische Dominanz ausgelöster ästhetischer Wandel ein, der Wilms Werke alt und rückständig erschienen ließen. Noch 1820 hatten die Aufführungszahlen seiner Kompositionen die Beethovens übertroffen, doch schon 20 Jahre später sollte kaum noch ein Stück von ihm in Amsterdam gespielt werden. Obwohl er die offizielle Nationalhymne der Niederländer (von 1815 bis 1932) komponiert hatte ('Wien Neerlands bloed’), eignete er sich wohl dennoch nicht zur Vereinnahmung als Nationalkomponist mit niederländischer Tonsprache. Aber auch die Deutschen zeigten wenig Interesse an dem „verlorenen Sohn“, der von der Generation Schumanns nur noch mit Mitleid oder Desinteresse bedacht wurde.

Im Zuge der immer größeren Diversifizierung des Klassikrepertoires kommt nun auch Wilms wieder zu neuen Ehren. Die NDR Radiophilharmonie Hannover hat Wilms Erste (1805) und Vierte (1812) Sinfonie nun mit dem Dirigenten Howard Griffiths für das Label cpo und den NDR neu eingespielt. Griffiths kennt sich bestens mit den „Kleinmeistern“ des 18. und 19.Jahrhunderts aus und bringt sie immer wieder in überzeugenden Neuausgrabungen zu Gehör. Zuletzt sorgte er mit einer Gesamteinspielung aller Ries-Sinfonien für internationale Begeisterung. Somit ist Griffiths genau der richtige Dirigent, um Wilms in seinem historischen und musikalischen Kontext aufzuführen und ihn zeitgeschichtlich einzuordnen.

Griffiths wählt für seine Wilms-Einspielung einen relativ dunklen Orchesterklang, der von den tiefen Streichern, den tiefen Holzbläsern und den Pauken getragen wird. Im ersten Satz der Ersten Sinfonie in C-Dur betont Griffiths die häufig mit den Streichern geführten Oboen, Flöten und Klarinetten. Der zweite Satz beginnt mit einem reinen Streichersatz, den Griffiths kammermusikalisch erklingen lässt. Die schlank spielenden Violinen, Bratschen und Celli werden nach und nach durch dezent einsetzende Fagotte ergänzt, bis dann das ganze Orchester mit einem massiven Tutti-Einsatz das Thema nochmals aufgreift. Das Duett zwischen Klarinette und Fagott wird ebenfalls eher kammermusikalisch gespielt, wodurch der Kontrast zu dem kraftvoll spielenden Orchester betont wird.

Die Overtüre in D-Dur mit den Satzbezeichnungen 'Adagio-Allegro’ bedient eine frühromantische, pathosgeladene Tonsprache, die Griffiths und die Radiophilharmonie mit Freude an der großen Geste ausmusizieren. Nachdrücklich gesetzte Orchesterakkorde unterbrechen lyrisch agierende Holzbläser. Auch die Streicher müssen sich gegenüber hart gespielten Tuttipassagen behaupten, wobei Wilms Komposition einige Schwächen erkennen lässt.

In der Sinfonie Nr. 4 tritt hingegen das Blech deutlich hervor. Auch hier ist das Klangfarbenspektrum eher dunkel gewählt; das überraschend etwas, da sich Wilms in seinen Werken mehr an Haydn als an Beethoven orientierte. Das Rondo des letzten Satzes wird von souverän agierenden Streichern getragen, die über weite Strecken das musikalische Geschehen mehr oder weniger alleine gestalten müssen. Insgesamt ist Griffiths Lesart aber nicht besonders inspiriert. So manches Detail könnte liebevoller ausgestaltet sein. (Christiane Bayer)

Interpretation: 3 von 5 Sternen (gut)
Klangqualität: 5 von 5 Sternen (überragend)
Repertoirewert: 3 von 5 Sternen (gut)
Booklet: 5 von 5 Sternen (überragend)

Quelle: klassic.com, 15.09.2009