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Johann Wilhelm Wilms | Werke für Klavier solo
Oliver Drechsel
  Erscheinungsjahr:
Label:
ASIN:
Format:
Länge:
Aufnahme:
2004
Verlag Dohr
DCO 024
Audio CD (CD-Anzahl: 1)
63' 35
DDD
Titel:
01. Ariette. Einmal in meinem achten Jahr | 08' 31
       Sonate pour le Piano-Forte (B-Dur, 1793)
02. Allegro | 12' 01
03. Andante con espressione | 05' 20
04. Minuetto Allegro - Trio - Minuetto Da Capo | 03' 29
05. Rondo . Allegro | 06' 15
06. Nel cor piú non mi sento | 05' 30
07. Romance de Cendrillon Je suis modeste et soumise | 12' 13
08. Ariette. Seit ich so viele Weiber sah | 10' 09
Rezensionen

Zwei Gattungen - zwei Kaliber: J.W. Wilms

Kennen Sie Johann Wilhelm Wilms? - Nein, noch nie gehört!
Ja, selbst unter den Besten der musikgeschichtlichen Zunft dürften sich viele finden, die sich dieses Nichtkennen oder Nichtwissen eingestehen müssen. Entschuldigend wird dann hier und da eingewandt, dass das ja nicht so schlimm sei, denn sehr wahrscheinlich handele es sich ja doch nur um eine der gerade so modernen und beliebten Kleinmeisterexhumierungen.

Also schnell die musikwissenschaftliche Gruft wieder schließen und ein „Ruhe sanft" hinterher? „Nein!" wird der ausrufen, der erst einmal in die jetzt wieder zugänglich gemachte Musik hineingehört hat.
Aber wer zum Himmel war denn nun dieser Johann Wilhelm Wllms? Der Komponist Wilms wurde 1772 im verschlafenen bergischen Land geboren.
Sein Vater, Lehrer und Organist, brachte ihm das Klavierspielen bei und gab ihm das musikthematische Rüstzeug mit auf den Weg.
Und Wege beschritt der junge Wilms gerne, Eine „Vergnügungsreise" trieb ihn 1791 nach Amsterdam.
Von dort aus schickte er kurzerhand an seinen Vater, dass er in dieser Stadt bleiben wolle.

Was aber war es, was Wllms an diesem Amsterdam so faszinierte?
Die Patina des goldenen Zeitalters war 1791 schön arg verblasst, und die Niederlande hatten viel von ihrer politisch ­ ökonomischen Stellung eingebüßt.
Doch Amsterdam war immer noch ein Zentrum des Musiklebens, ein Zentrum, das eben nicht von alterndem Adel und hochneurotischen Hofschranzen bestimmt wurde, sondern von einem - im Gegensatz zum übrigen Europa schon etablierten - Bürgertum.
Und so war Wilms schon alsbald ein gefragter Pianist in Salons.

In diesem privaten bis (halb-) öffentlichen Musikbetrieb der Stadt schätzte man Wilms' Klavierkonzerte und Musiken für Klavier solo. Einen Einblick in diese Welt bürgerlicher Musizierkultur gibt eine vom Vorlag Dohr veröffentlichte CD.
Neben Variationswerken hat Oliver Drechsel die große „Sonate pour le Piano-Forte" eingespielt. Und es ist vor allem die Sonate, die Wilms als einen Komponisten zwar zwischen Mozartschem Idiom und ersten frühromantischen Morgenröten zeigt, aber ebenso seinen durchaus stürmisch - drängerischen Personalstil offenbart.
Oliver Drechsel bereichert die musikalische Substanz dieser Sonate durch sein solides aber in der Agogik und Dynamik spannungsreiches Spiel.
Reizvoll, aber nicht unbedingt packend sind hingegen die Spielmusiken, etwa die Ariette mit Variationen über das Lied „Seit ich so viele Weiber sah".
Allerdings spiegeln sie durchaus den damaligen Geschmack wieder:
Heiteres Gespiele über Gassenhauer zur leichten Unterhaltung oder zur Ertüchtigung der bürgerlichen
Fingerlein im Unterricht

. ... Sicherlich hat seine sinfonische Musik etwas Retrospektives an sich.
Gleichzeitig ist ihr ein rumorend - revolutionärer Tonfall zueigen, ein Tonfall, der freilich kein Banner vor sich her trägt, sondern im Untergrund wühlt.
Hier aber liegt der Kern der späten Sinfonien von Wilms: Sie spiegeln einen Zeitgeist wider, ohne ihm sich anzupassen. Welche Bedeutung aber hat Johann Wilhelm Wilms heute?
Er gehört zu den wichtigen „Transit" ­ Komponisten des 19. Jahrhunderts.
Er gehört zu den Persönlichkeiten, welche die Tradition des kulturellen Transfers zwischen dem Rheinland und den Niederlanden aus früheren Zeiten fortsetzte und um eine wichtige Note bereichert hat. Außerdem steht er wie kaum ein anderer als Bindeglied für die fließenden Übergänge zwischen Klassik und Romanti. Für die Stadt Amsterdam war er als Musikpädagoge, Komponist und Interpret ein wichtiger Wegbereiter des bürgerlichen Musiklebens, dessen Blüte sich allerdings dann erst Ende des 19, Jahrhunderts voll entfalten konnte.
Alles das ist Grund genug seine Musik zu entdecken und zu hören.
Also: Johann Wilhelm Wilms? Ja, den sollte man gehört haben! (Marcell Feldberg)

Quelle: Fermate, Heft 23/4 (2004)
Die Wilms-Renaissance

Lange Zeit nahezu vergessen, rückt das Werk von Johann Wilhelm Wilrns (l'772-1847) mehr und mehr wieder ins Bewußtsein der musikinteressierten Öffentlichkeit. Nach den Einspielungen von einigen seiner Symphonien und eines Klavierkonzertes sind nunmehr hier Werke für Pianoforte
solo zu hören. Der Pianist Oliver Drechsel hat sie auf einem Hammerflügel aus der Werkstatt von Christian Erdmann Rancke (Riga, 1825) eingespielt. Das lnstrument - auch optisch ein Genuß - orientiert sich an englischen Vorbildern und gefällt durch einen recht brillanten Ton, mit dem es
auch moderneren virtuosen Ansprüchen genügt.

Das ist bei Wilnas Klaviermusik durchaus erforderlich. Mögen auch. die vier hier vorgelegten Variationen über damals populäre Melodien für den Gebrauch im Rahmen der Hausmusik geschaffen worden sein, so verlangen sie dem Interpreten doch einiges technisches Können ab.
Der kunstsinnige Dilletant im damaligen Sinne war eben hei weitem kein amateurhafter Stümper. Die Variationen zeichnen sich durch einen charmanten Einfallsreichtum aus, wenngleich sie nicht
die Kühnheit beethovenscher Stücke dieser Art aufweisen.

Mit einer Spieldauer von rund einer halben Stunde erreicht Wilms einzige Klaviersonate fast symphonische Ausmaße. In Themenwahl., Materialbearbeitung und in der Verwendung der Sontatenhauptsatzform ist sie noch ganz den klassischen. Mustern verhaftet.
Nur ganz selten scheinen bereits romantische Anklänge aufzuleuchte.
Die souveräne Beherrschung der kompositorischen Prinzipien vermag indes nicht darüber hinwegzutäuschen, dass Wilrns mit seiner Musik stets an der Oberfläche bleibt. Abgründiges, Überraschende„ oder Hintersinniges wird man bei ihm vergebens suchen.
Die Entwicklung bleibt meist vorhersehbar, so dass insgesamt das Niveau unterhaltsamer Salonmusik nicht überschritten wird.

Oliver Drechsels engagiertes Spiel, das informative Booklet und der makellose Klang der
Aufnahme ermöglichen dabei nichtsdestotrotz einen interessanten Einblick in das kammermusikalische Schaffen des Wahlniederländers Wilrns, der mit seiner Musik an
der Schwelle zwischen Klassik und Romantik stand. (Sven Kerkhoff )

Quelle: www.musikansich.de
Es ist unglaublich und immer wieder verblüffend, wie viel sich auch aus einer bekannten Epoche
der Musikgeschichte wie derjenigen Beethovens noch an Vergessenem wieder entdecken lässt.
Wer kennt schon den Komponisten Johann Wilhelm Wilms, der zwei Jahre nach Beethoven nicht
weit von Düsseldorf das Licht der Weit erblickte und später einer der wichtigsten Anreger des Musiklebens in Amsterdam wurde?
Als "Concerto Köln" vor gut zwei Jahren beim Bonner Beethovenfest einer seiner Sinfonien
vorstellte, war man überrascht von der Kraft und Originalität seiner Tonsprache, die zudem keineswegs epigonal wirkte.
Die Klavierwerke von Wilms, die jetzt auf :einer neuen CD vorgestellt werden, geben sich zwar viel schlichter und moderater, aber sie zeigen ebenfalls einen ebenso beachtens - wie liebenswerten Meister vor allem der Variationsform, die ja auch sein großer Zeitgenosse Beethoven so ausgiebig gepflegt hat. Zudem enthält sie eine Klaviersonate, deren frühe Entstehungszeit (1793, Wilms war
da gerade, erst 21) die noch frühklassisch anmutende Machart der Musik entschuldigt, die eher an Haydn denn an Beethoven erinnert.
Aber Oliver Drechsel, der einen gut restaurierten Flügel von 1825 aus der Sammlung Dohr für diese Aufnahmen nutzen konnte, gewinnt dieser Musik viele feinsinnige Valeurs ab und weiß das Instrument mit seinem leicht silbrigen, obertonreichen Klang sehr gekonnt und stilvoll einzusetzen. Interessant sind in dieser kleinen Wilms - Anthologie die Variationen über Paislellos Duett
"Nel cor più non mi sento"
Im Vergleich zu Beethoven, der sich dabei allerdings bewusst zurücknahm, weil seine
Variationen für eine Amateurin gedacht waren. Danebenen kann Wilms sehr gut bestehen, was Erfindungsreichtum und Pianistik anbetrifft.
Dass sich diese Edition im übrigen auch und gerade an (Amateur-)Pianisten wendet, ist dem Umstand zu entnehmen, dass parallel zur CD-Edition auch die Noten der hier eingespielten Stücke im Dohr-Verlag erschienen sind.
Wer sich's zutraut, sollte den Versuch daher nicht scheuen, auch wenn es ihm wohl nicht leicht gelingen dürfte, Oliver Drechsels meisterhaftes Spiel zu erreichen, das die Musik von Wilms hier in denkbar schönstem Licht erscheinen lässt.

Quelle: Köln-Bonner Musikkalender 01/2005

 

Klaviermusik des Mannes aus Witzhelden

Oliver Drechsel spielt Solowerke von Johann Wilhelm Wilms

Concerto Köln hat ihn endgültig der Vergessenheit entrissen, den „bergischen Beethoven“:
Seit die Crew um Werner Erhardt im vergangenen Jahr zwei Sinfonien von Johann Wilhelm Wilms (1772-1847) eingespielt und mehrfach aufgeführt hat, ist der Mann aus Witzhelden vielen ein Begriff, denen er es vorher nicht war.
Das Label „Verlag Dohr“ zieht jetzt mit einer CD nach, auf der der Kölner Pianist Oliver Drechsel Klavierwerke des seit 1791 in Amsterdam ansässigen Wilms präsentiert.
Er benutzt dabei einen zeitgenössischen Hammerflügel aus der Werkstatt des Rigaer Klavierbauers Christian Erdmann Rancke, ein überraschend stark und füllig tönendes Instrument, das er mit viel Klangsinn und Spielfreude sowie unter optimaler Ausnutzung seiner dynamischen und artikulatorischen Möglichkeiten zu traktieren weiß.
Im Zentrum der zwischen 1793 und etwa 1810 entstandenen Kompositionen steht Wilms einzige Klaviersonate, ein solide komponiertes und bemerkenswert weitläufiges Gebilde aus spätklassischem Geist, in dem auch ausgiebig moduliert wird.
Was die melodische Prägnanz und die Intensität der motivisch-thematischen Verarbeitung betrifft,
so reicht das Stück zwar kaum an die frühen Beethoven-Sonaten heran.
Aber Wilms versteht es doch, pianistischen Anspruch und Werksubstanz in ein befriedigendes Gleichgewicht zu bringen. Leeres Geklingel ist das nicht.
Und wie gesagt: Drechsel macht mit kultiviertem Spielwerk, sorgfältiger Lautstärkeverteilung und Artikulation sowie gestochenen Verzierungen das Beste draus. Das gilt auch für die harmlosen Figuralvariationen über seinerzeit beliebte Opernmelodien, darunter Veränderungen über Paisiellos „Nel cor piu non mi sento“, das - neben anderen - auch der Bonner Kollege bearbeitet hat.
Und diesmal brauchen sich die Willmsschen vor den Beethovenschen Variationen nicht zu verstecken. (MdS)

Quelle: Kölner Stadt-Anzeiger 2./3. April 2005

 

Schatzheber

Allein die Lektüre der sorgfältig gestalteten Beihefte aller Dohr­ CD-Produktionen ist für die Leser ausnahmslos Genuss und Wissensgewinn.
Dieses Resultat basiert auf akribisch geleisteter Vorarbeit durch den Verlag Dohr und seine "Schatzheber".
Erneut war es dem Verlag und seinem "Kompetenzteam" 2004 gelungen, mit der CD Johann Wilhelm Wilms (1772 bis 1847), Werke für Klavier solo - ausgeführt von Oliver Drechsel auf einem Hammerflügel - so etwas wie eine Denkmalsenthüllung zu veranstalten.
Entgegen den Gepflogenheiten marktführender Verlage und Plattenlabels, die Kataloge ständig und unerschrocken ausdauernd zwar durch Interpretennachwuchs, aber überwiegend mit ausreichend gewürdigten Werken der Musikgeschichte zu füllen, gelingt es dem Kleinlabel Dohr in Köln regelmäßig, mit spektakulären "Funden" aufhorchen zu lassen.
Solche "Fundsachen" bestehen zumeist aus einem in Vergessenheit geratenen, umfangreichen Werknachlass eines Urhebers, der zwar die Gunst genoss, Zeitgenosse eines Bachs, Mozarts oder Schuberts zu sein, jedoch trotz hohem handwerklichen Können im Schatten der Großen blieb und, als sogenannter Kleinmeister eingestuft, der Nachwelt mehr oder weniger abhanden kam.

Ebenbürtig

In Ersteinspielung wurden vier ausgewählte Variationszyklen von Johann Wilhelm Wilms -
der Zeitgenosse von Ludwig van Beethoven (1770 bis 1827) war - vorgelegt, die an Einfalls-originalität, der handwerklichen Ausführung und mit der, schon damals von Musikalienhändlern geforderten, möglichst großen Absatzgarantie ausgestattet, in keiner Weise den entsprechenden Beethovenschen Variationsmustern nachstehen.
Ja, die Behauptung, die Wilmsschen Erfindungen sind durchaus denen seines Zeitgenossen ebenbürtig, mag nicht als Übertreibung empfunden werden.
Oliver Drechsel, im Interpreten­Ensemble des Dohr-Verlags an vorderer Stelle agierend, gelingt es erneut, die mit Könnerschaft zelebrierten Wilms-Variationswerke zusätzlich mit der einzigen Klaviersonate des später zum Romantiker mutierten .Schubert-- und Mendelssohn-Zeitgenossen
J. W. Wilms zu krönen, der im Orchester- und-Kammermusikbereich bis in die 1830er Jahre hinein diese Entwicklung vom klassischen zum romantischen Stil auf hohem Niveau vollzog; eine Entwicklung, die der im rheinisch-bergischen Witzhelden (heute Leichlingen), als Sohn eines Lehrers und Organisten geborene Wilms wohl nicht erfahren hätte, wäre nicht aus einer Vergnügungsreise nach Amsterdam (1791), diese weltoffene Stadt zu seinem ständigen Wohnsitz geworden.
Oliver Drechsel gelingt es stilistisch überzeugend und technisch makellos, die unkomplizierte und den Zeittrend berücksichtigende Klangwelt jener Tage mit den aufnahmetechnischen Möglichkeiten von heute erneut aufblühen zu lassen.

Quelle: No. 252, Seite 39, Rubrik Kulturbühne, 29.10.2005