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11. Tauftagskonzert für Johann Wilhelm Wilms *
Im Augenblick der Begeisterung

Nichts kann sich der Wilms-Freund mehr wünschen als einen Interpreten, der „durch sein lebendiges tiefes Eindringen in das Innere geistvoller Compositionen“ diese „so wiederzugeben vermag, wie sie die Phantasie des Componisten im Augenblick der Begeisterung dachte.“
Kein Forschungsergebnis, kein Kritikerlob, kein Markterfolg erreicht und berührt den Musikinteressierten so unmittelbar und intensiv wie eine Wilms-Aufführung, der es gelingt, die vielschichtige Eigenart einer Komposition als stimmiges Ganzes erlebbar zu machen.

Seit ihren Gründungstagen bleibt die IJWWG auf der Suche nach Musikern, die Lust auf das Abenteuer Wilms verspüren, fähig sind, dem Phänomen W auf den Grund zu gehen und über Möglichkeiten zu wirkungsvoller Verbreitung ihrer Erkenntnisse verfügen.
Als besondere Glücksfälle vor einigen anderen erwiesen sich hiezu Concerto Köln und das Klavierduo Hans-Peter und Volker Stenzl. Mit der Pianistin Sheila Arnold glauben wir nun einer Künstlerin begegnet zu sein, die durch ihr Wilms-Engagement berechtigte Hoffnungen nährt, seiner bislang vernachlässigten Klaviersolo Musik à la longue neue Freunde zu gewinnen.

Der wilmsschen Klaviermusik als Interpret beizukommen heißt zunächst, sich nicht hinters Licht führen zu lassen. Denn Wilms liebt das Spiel mit Konventionen, Versatzstücken und Erwartungshaltungen. Schein und Sein sind hier tatsächlich zweierlei. Wer Wilms für naiv hält ist ahnungslos und rennt als Spieler ins Leere, denn es bedarf keines ersten und keines zweiten Blicks in die Noten, man braucht schon den Durchblick um zu erkennen, was sich innerhalb herkömmlicher Formen, hinter vertraut wirkenden Fassaden an musikalisch ungewöhnlichen Dingen tut.

In ihrem ersten Recital mit Werken von Wilms – gleichzeitig dem ersten Klaviersoloabend überhaupt in der Reihe Witzheldener Tauftagskonzerte – stellt die Pianistin Sheila Arnold der letzten vollendeten Klavierkomposition Mozarts, den Variationen KV 613 „Ein Weib ist das herrlichste Ding“, zwei Variationszyklen von Wilms beziehungsvoll gegenüber. Mozart, von Wilms verehrt ein Leben lang, galt ehedem als Autor eines Liedes für zwei Tenöre und Bass mit dem schrägen Text „Beym Arsch ists finster“, das Wilms zum Gegenstand seines Opus 27 nahm („Thême de Mozart variée pour le Pianoforte“), eine Folge von 16 erfindungsreichen Variationen, denen eine tiefstapelnd als Introduction bezeichnete Phantasie vorausgeht.

Dem zweiten Wilms-Zyklus in diesem Programm liegt eine im westlichen Europa der Zeit beliebte Romanze zu Grunde, die, man glaubt es kaum, von Wilms’ zeitweiliger Landesmutter getextet und vertont wurde. Hortense Beauharnais, die 1806 an der Seite ihres Mannes Louis, dem Lieblingsbruder Napoleon Bonapartes, vom allmächtigen Schwager zur Königin von Holland gemacht worden war, betätigte sich nämlich in ihrer freien Zeit als das, was man heute einen singer/songwriter nennen würde: Sie schrieb und komponierte songs (Romanzen) mit deutlichen Bezügen zu den Lebensumständen jüngerer Menschen in jener Epoche der napoleonischen Feldzüge und begleitete ihren Gesang selbst auf der Harfe. Diese Lieder mit ihren Situationen voller Trennungsschmerz, Heimweh, Sehnsucht nach der Liebsten und dennoch voller Zuversicht trafen offenbar den Nerv von Generationen; sie verbreiteten sich rasch und nachhaltig, das Ende der Ära Napoleon überdauernd. Mit seinen „Variations Brillantes sur la Romance favorite La Sentinelle“ entwickelt Wilms im Gewand bravouröser Klaviervariationen eine musikalische Szenenfolge, in der Stimmungen, Gefühle und Träumereien eines einsamen Wachtposten in der Fremde bewegende Hörgestalt annehmen.

Der aktuellen Popularmusik entlehnt hat auch Mozart das Thema seiner Variationen KV 613, deren letzte von Fachleuten als eine der avanciertesten überhaupt gewertet wird. Es erweist sich somit einmal mehr, dass nicht die „Größe“ eines Themas Komponisten zu Besonderem beflügelt, wie es auch nicht die „große“ Form sein muss, in der sich künstlerische Größe (ohne Anführungszeichen) offenbart.
Schuberts Ländler D 790 werden dies nach der Pause unaufgeregt und charmant bekunden. Schließlich verblüfft und begeistert der junge Beethoven in seiner zweiten Klaviersonate durch die Meisterschaft, getrennte Genres, Formen und Stile mit disziplinierter Nonchalance zu verbinden. Das Ganze ein Trip in unbekannte und wiederzuentdeckende Weiten, heraufbeschworen durch eine Künstlerin, die „ganz eigentlich das Genie des Vortrags“ besitzt: Sheila Arnold.

P.S. 1 Die verwendeten Zitate entnehmen wir der ersten Nummer von Robert Schumanns Neue Leipziger Zeitschrift für Musik vom 3. April 1834, in deren Korrespondentenbericht aus Paris die Interpretationskunst des jungen Franz Liszt gewürdigt wird.

P.S. 2 Der Westdeutsche Rundfunk nimmt das Konzert am 3.3.2013 auf. Die Sendung erfolgt zu einem späteren Zeitpunkt auf WDR 3.

P.S. 3 Aus technischen Gründen muss es im Elften Tauftagskonzert zu einer ansonsten unüblichen Pause von etwa 20 Minuten kommen; Interessenten haben in dieser Zeit Gelegenheit, an einem Kurzvortrag des Hamburger Komponisten und Musikwissenschaftlers Wolfgang-Andreas Schultz zur Klaviermusik von Wilms teilzunehmen.

 
 

Termin:

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Musik:

















gefördert durch:

Sonntag, 03. März 2013, 17 Uhr

Evangelische Kirche Witzhelden
Am Markt
42799 Leichlingen

15 €, ermäßigt 7 €. Kinder und Musikschüler frei

unter 02 21 / 9 42 04 30 und an der Abendkasse


>>Sheila Arnold


J.W. Wilms (1772-1847)

Thême de Mozart variée pour le Pianoforte Oe. 27

W.A. Mozart (1756-1791)
8 Variationen F-Dur KV 613 „Ein Weib ist das herrlichste Ding“

J.W. Wilms
Variations Brillantes sur la Romance favorite La Sentinelle

Entr’acte
W.-A. Schultz spricht über Klavierwerke von Wilms

Franz Schubert (1797-1828)
12 Ländler (Deutsche Tänze), D 790

Ludwig van Beethoven (1770-1827)
Sonate Nr. 2 A-Dur op. 2, 2











  >> Routenplaner

 

Rezensionen

Das elfte Tauftagskonzert zu Ehren des Witzheldener Komponisten Johann Wilhelm Wilms hat traditionell in der Kirche „Alter vom Berg“ stattgefunden. Die Werkauswahl des Klavierabends erwies sich als Volltreffer.

Witzhelden.
Johann Wilhelm Wilms wäre stolz gewesen: Der Ort seiner Taufe – die Kirche „Alter vom Berg“ – war voll besetzt. Der Westdeutsche Rundfunk hatte seine Mikrofone aufgebaut, um die Musik aufzunehmen. Und mit der jungen Sheila Arnold saß obendrein auch noch eine hervorragende Solistin am Instrument, der originalgetreuen Kopie eines Fortepianos von Louis Dulcken aus dem Jahre 1815, um das elfte Tauftagskonzert zu Ehren des Witzheldener Komponisten zu bestreiten. „Im Augenblick der Begeisterung“ war der Klavierabend überschrieben. Es wurde ein langer Augenblick. Denn die Werkauswahl der Internationalen Johann-Wilhelm-Wilms-Gesellschaft, die seit 2003 das alljährliche Konzert zu Ehren des im großen Kontext der Musikhistorie vergessenen Witzheldeners plant und veranstaltet, erwies sich als Volltreffer: Wilms selbst war – erstmals übrigens – mit zwei Klavierkompositionen vertreten.

Und neben dem „schmucken Beiwerk“ von Franz Schubert („12 Ländler“) sowie Ludwig van Beethoven („Sonate pour le clavecin ou pianoforte“) waren vor allem Wolfgang Amadeus Mozarts Variationen „Ah! Vous dirai-je, Maman“ erhellend. Denn: Dass Wilms gerade den Popstar der Wiener Klassik verehrte, ist erwiesen. Und diese Passion für die unbändige Verspieltheit des Österreichers war in seinem „Theme de Mozart“ und den Variationen „la Sentinelle“ deutlich hörbar. Die Veränderung des auf nur wenigen Noten basierenden Themas von Stück zu Stück, die Lust am Lauf über die Striche der Tonleiter hinauf und wieder herunter in den Keller – all das hatte Wilms mit Lust und Laune in seine Stücke hineingelegt.

Die Freude am Wohlklang, an der Ästhetik der Komposition, an der aus den Tönen klingenden Lebensfreude bewies auch bei diesem neuerlichen Tauftagskonzert, dass Wilms doch ein wenig zu Unrecht aus dem Kreis der Großen ausgeschlossen wurde – vielleicht, weil er sich zu Lebzeiten (1772 bis 1847) dazu entschloss, nach Amsterdam zu gehen, anstatt die Festung der Klassik, Wien, anzusteuern. Mit der Einzigartigkeit Mozarts konnte zwar auch er nicht mithalten – der war stets ein wenig mutiger, radikaler und unvorhersehbarer als der Mann aus dem Bergischen Land. Und das war in Witzhelden deutlich zu hören. Aber: Wer bitteschön könnte je mit Mozart mithalten? Eine rein rhetorische Frage. Daher bleibt festzuhalten: Auch dieses elfte Konzert zu Ehren Wilms war ein voller Erfolg – auch weil es den Hunger nach mehr Musik aus seiner Feder nährte.

Quelle: Kölner Stadtanzeiger, 06.03.2013, von Frank Weiffen

Pianistin verzaubert Besucher

TAUFTAGSKONZERT
Pianistin Sheila Arnold begeistert das Publikum im Kirchenschiff.

Witzhelden. Dass die Kölner Musik-Professorin und mehrfach mit Preisen ausgezeichnete Sheila Arnold für das traditionelle Tauftagskonzert in Witzhelden gewonnen werden konnte, erwies sich als Volltreffer. Durch ihre Affinität zu Mozart war die Interpretin für die Veranstaltung zur Würdigung des in Witzhelden geborenen Komponisten Johann Wilhelm Wilms prädestiniert. Denn auf dem Programm standen Wilms-Variationen von Mozart-Stücken. Sheila Arnold begeisterte das Publikum durch ihre ausgesprochen feinfühlige und dennoch kraftvolle Spielweise.

Gekonntes Spiel auf einem Hammerflügel

Atemberaubend wirbelnde Tastentänze legten dem Zuschauer beschwingte Heiterkeit ans Herz: so in den meisterhaft gebrachten Themenvariationen „Thème de Mozart“ op. 27. „Besonders an diesem Stück ist, dass Wilms hier in der Einleitung mit Variationen beginnt, ohne das Thema vorher vorgestellt zu haben“, erklärte Musikwissenschaftler Wolfgang-Andreas Schultz.

Auch in den Variationen über die „Romance La Sentinelle“ faszinierte die virtuose Künstlerin vom ersten Anschlag an. Souveräne Forte-Anschläge wechselten über zu brillanten, kaum hörbaren Pianissimo-Passagen, und ihre scheinbar mühelos gespielten, perlenden Läufe gaben dem Ganzen eine Leichtigkeit, die das Herz aufgehen ließ. Das Publikum in der nahezu vollbesetzten Witzheldener Kirche lauschte spürbar hingerissen und gab sich der Kombination aus äußerer Anmut und mitreißender Virtuosität hin. Lebendige Klangfärbungen ließen ihre Interpretationen zu äußerstem Hörgenuss werden.

Die in Indien geborene und in Deutschland aufgewachsene Pianistin spielte auf einem der Hammerflügel, wie sie zur Zeit Mozarts, Wilms’ und Beethovens gebaut wurden. Nach dem dritten Stück mußte folglich eine 20-minütige Pause eingelegt werden, um das Instrument neu zu stimmen.

Bei „12 Ländler“ von Schubert und Beethovens Klavier-Sonate A Dur op. 2,2 überzeugte Sheila Arnold einmal mehr durch ihre technische Perfektion und die Wärme, die sie durch ihr Spiel in die Kirchenbänke trug. Verdienter begeisterter Applaus für ein außergewöhnliches musikalisches Hörerlebnis.

Quelle: Solinger-Tageblatt, 06.03.2013, von Jutta Schreiber-Lenz
Tauftagskonzert ist im Juni im Radio zu hören


Witzhelden

Es war nicht zu übersehen, wem am Sonntag das Hauptinteresse im Höhendorf galt. Banner über der Straße und an der Kirche erinnerten an den hier geborenen Komponisten Johann Wilhelm Wilms, zu dessen Tauftag nun zum elften Mal ein Konzert in seiner Taufkirche stattfand. Vor der Tür stand ein Ü-Wagen des WDR, der schon lange als Partner der Wilms-Gesellschaft wiederentdeckte Kompositionen sendete. Bisher wurden die nach dem Tauftagskonzert im Studio eingespielt, jetzt gab es erstmals einen Live-Mitschnitt. Groß war das Interesse des Publikums, das längst zu schätzen weiß, hier zu erleben, wie Wilms klingt. Und dass man hier alljährlich neue Entdeckungen machen kann, und zwar in einen zeitlichen und stilistischen Kontext eingeordnet. Bildung und Musikgenuss gingen auch dieses Mal Hand in Hand. Zum ersten Mal standen hier die bisher vernachlässigten Klavier-Kompositionen von Wilms im Mittelpunkt, von denen sogar der musikhistorische Kenner und Vorsitzende der Wilms-Gesellschaft Ernst A. Klusen eines zum ersten Mal hörte. Die Noten waren draußen zu haben im Eingang der kleinen Kirche, die mal wieder perfekte akustische Bedingungen für diese kammermusikalische Entdeckungsreise bot. In großen Konzertsälen mag die Kopie des historischen Hammerflügels aus dem Jahr 1815 eher karg klingen, hier füllte das Instrument perfekt den Raum. Und vor allen Dingen wurde er erstklassig gespielt von der jungen Pianistin Sheila Arnold, die offenbar die Musik des Täuflings von 1772 in ihr Herz geschlossen hat. Mit den zwölf Deutschen Ländern von Schubert und Beethovens Klaviersonate A-Dur ordnete sie Wilms klassisch-romantische Kompositionen in die entsprechende Epoche ein. Aber vor allen Dingen war der in den Niederlanden berühmt gewordene Witzhelder ein großer Bewunderer von Wolfgang Amadeus Mozart. Schon das verbindet ihn mit Sheila Arnold, die Mozarts Variationen über das Kinderlied "Ah! Vous dirai-je, Maman" lebendig, wendig und wie aus einem Guss präsentierte. Dass Wilms seinerseits in seinem Opus 27 nicht nur ein Thema von Mozart benutzte, sondern seinen 16 Variationen darüber auch den heiteren und gestümen Geist des Bewunderten einhauchte, wurde spätestens bei der unmittelbaren Gegenüberstellung deutlich. Romantischer, von Stimmungen und Effekten dominiert, stellte die Pianistin dagegen den zweiten Variationszyklus von Wilms "La Sentinelle" op. 59 vor. Die Mikrophone des Senders verlangten das Nachstimmen des Flügels und damit eine Pause. Die konnte das Publikum nutzen, um von Prof. Wolfgang-Andreas Schulz mehr über Wilms und seine Musik zu erfahren. Das Tauftagskonzert wird am 4. Juni um 20.05 Uhr im WDR 3 Konzert gesendet.

Quelle: Rheinische Post Leverkusen, 05.03.2013, von Monika Klein