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13. Tauftagskonzert für Johann Wilhelm Wilms *
"Mehr Geist als Finger". Europas Musik im Wandel

Die sogenannte Sattelzeit stellte in ganz Europa eine wegweisende Marke für politische, gesellschaftliche sowie künstlerische Umbrüche und Neuanfänge dar. Innerhalb dieses Prozesses bedeutete der Wiener Kongress vor dem Hintergrund des Aufkommens von Liberalisierungsprozessen ein Moment von Restriktion und Restauration, mit dem sich sämtliche gesellschaftlichen Schichten konfrontiert sahen.
Zwei Werke, die wenig bis kurz vor 1814/1815 entstanden, sollen den geistigen Wandel vor diesem Wendepunkt verdeutlichen. Dazu eignen sich die für das Konzertprogramm ausgewählten Komponisten Johann Wilhelm Wilms und Ludwig van Beethoven in hervorragender Weise. In ihren Werken, explizit in Beethovens „Kreutzer“-Sonate und in Wilms‘ Violin-Sonate op. 11, kommen geistige wie künstlerische Haltungen mit Zielrichtung auf Pluralisierung und Liberalisierung in den Neuerungen der zeitgenössischen Kunstformen, respektive Musik, deutlich zum Tragen.
Mit steigenden technischer Anforderung an die Musizierenden wuchs um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert auch die Herausforderung, Werke nicht nur in ihrer Virtuosität zu betrachten, sondern sie auch rational in ihren Strukturen und Verflechtungen durchdringen zu können. Das Prinzip der Strukturgebung von Musik stützte sich auf die Vielfalt der Mittel. Beethoven vollzog in seiner 1803 vollendente „Kreutzer“-Sonate drastisch die Neugewichtung zwischen dem Part der Violine und des Pianofortes. Waren solche Duo-Sonaten traditionell als Klaviersonaten mit Begleitung der Violine zu verstehen gewesen, so vollzog sich um die Jahrhundertwende der Wechsel hin zu einer Gleichberechtigung beider Stimmen. Sie traten in einen Dialog, dessen Verfolgen und Entschlüsseln dem Hörer zur Aufgabe gemacht wurde und die reine Virtuosität (vorübergehend) in den Hintergrund treten ließ, wie Friedrich Rochlitz treffend bemerkte: „Man findet da [in Beethovens „Kreutzer“-Sonate] nicht willkürliches Geräusch mit Tönen, sondern man glaubt ein eindringendes, festgeführtes Gespräch zu vernehmen, das unsere Einbildung und Empfindung in Bewegung setzt und unterhält“ (Allgemeinen Musikalischen Zeitung, 1805). Wilms komponierte mit seinen Violinsonaten Werke im selben Geiste, d.h. einhergehend mit der Umgewichtung der Duostimmen und dem Anspruch an die Bildung des Publikums: „Für dieses [das Publikum mit Geschmack] nun hat Hr. Wilms, dem es mehr um den Geist, als um die Finger seines Publicums zu thun zu seyn scheint, die gegenwärtige Sonate recht eigentlich geschrieben“ (Allgemeinen musikalische Zeitung, 1813 bzgl. der  B-Dur-Sonate op. 29.

Durch die Moderation des Konzerts sowohl mit einführenden und begleitenden Beiträgen als auch im Gespräch mit den Künstlern soll dem Zuhörer verdeutlicht werden, wie Musik über das reine Kunstwerk hinaus als Spiegel ihrer Zeit fungiert. Einerseits ist anzustreben, Beethoven auch mit „politischen“ Ohren zu hören und andererseits Wilms als ebenso gegenwartsbezogenen Komponisten und klingenden Zeugen seiner Zeit erneut und in einem völlig neuen Kontext wahrzunehmen. 

Mitwirkende:
Chouchane Siranossian, Violine
Sebastian Wienandt, Hammerflügel
PD.Dr. Yvonne Wasserloos, Moderation