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Siebtes Tauftagskonzert für Johann Wilhelm Wilms
Zeichen aus der Luft greifen
Das Minguet Quartett spielt Streichquartette von
Johann Wilhelm Wilms und Herbert Callhoff

Seit Mozart mit sechs Streichquartetten in den Jahren 1782 bis 1785 dem großen Haydn als dem Primus unter den Erfindern der Gattung seine Verehrung darbrachte, galt und gilt auch heute noch das Streichquartett den Komponisten als „Riesenrespekt“ einflößender „Prüfstein“ - so empfand es schließlich Mauricio Kagel (1989).
Und für den Kollegen Wolfgang Rihm ist allein schon der Begriff Streichquartett ein „magisches Wort“, in dem „aller Geheimnischarakter von Kunst“ schwingt (1985).

Als Wilms seine beiden Quartette op. 25 komponierte, hatten Haydn und Mozart ihre Arbeiten in diesem Genre abgeschlossen und Beethoven sich mit den sechs Quartetten op. 18 die Gattung bereits erobert. Was Wilms von diesen Werken des klassischen Dreigestirns damals kennen gelernt hatte, ist eine offene Frage.
Fest steht jedoch, dass seine Quartette schon vorlagen, als der  blutjunge Schubert daran ging,
seine ersten Werke für das Familienquartett im Elternhaus zu schreiben.
Absurd also, bei Wilms - wie schon geschehen - eine Beeinflussung durch Schubert anzunehmen.

Mit seiner eigenständigen, sehr persönlichen Diktion, so formbewusst wie spontan,
der musikalischen Errungenschaften großer Vorgänger durchaus gewahr und nichts weniger als umstürzlerisch zu Werke gehend, doch instinktsicher und ernsthaft eigene Bahnen jenseits von Beethoven spielerisch ziehend, muss Wilms mit seinen Quartetten die Herzen der Kammermusikfreunde einfach erobern - und gleichzeitig Bedauern darüber auslösen, dass nicht mehr Arbeiten im Quartettgenre als diese beiden, höchst individuellen Werke von ihm überliefert sind.
Umso größer die Freude, dass Künstler vom Rang eines Minguet Quartetts sich ihrer annehmen.
Vor wenigen Jahren durch die IJWWG auf diese Musiken aufmerksam gemacht, äußerten die Minguets überraschend schnell und deutlich ihr Interesse an ihnen. Inzwischen bezeichnen sie sich selbst als Wilms-Enthusiasten.

Wenn ein Ensemble dieses Schlages mehr als zwei Uraufführungen eines lebenden Komponisten kreiert, kann es nur von dessen Qualitäten überzeugt sein: Nach den Weltpremieren des fünften (1996) und sechsten (2001) Streichquartetts von Herbert Callhoff in dessen Geburtsstadt Viersen am linken Niederrhein, findet nun die Uraufführung seines siebten durch das Minguet Quartett am Geburtsort des Kollegen Wilms im rechtsrheinisch-bergischen Witzhelden statt.
Das macht Sinn. Nicht nur weil Callhoff sich gleich nach seinem Besuch des ersten Tauftagskonzerts für Wilms zur Mitgliedschaft in der IJWWG entschloss, sondern vor allem, weil ihn - über den Strom und die Generationen hinweg - Entscheidendes mit dem anderen Rheinländer verbindet.
Beide Komponisten empfinden sich als Glieder einer Kette, versuchen nicht, den reichen musikalischen Schatz der Vergangenheit als Ballast abzutun, sondern pflegen den schöpferischen Umgang mit ihm; vertraut mit zeitgenössischen Techniken und Tendenzen, machen sie sich nur zu eigen, was ihrem persönlichen Ausdruckswollen wirklich entspricht; sie bleiben >Fußgänger der Luft< und scheuen die Förderbänder ins modisch Abgehobene; waches Kalkül steht ihren unbewussten Entscheidungen nie im Wege, und die Keckheit erfahrener Improvisatoren nutzt bei ihnen allerorten klug ihre Chancen.
Dieses Offene, dieses scheinbar Unmittelbare, dürfte, neben einer selbst in beklemmenden Episoden spürbar positiven Grundhaltung, die durchweg komplexen Musikgebilde dazu befähigen, ihre Hörer gleich in der ersten Begegnung ganz direkt zu erreichen.
Adäquate Interpreten vorausgesetzt.
Doch diese Frage stellt sich bei unserem Projekt erst gar nicht.


P.S.  Kurzfassung für faule Leser:

1 Callhoff-Uraufführung
plus 2 Wilms-Entdeckungen
mal Minguet Quartett
gleich 3 tolle Überraschungen.
1malig.
Tauftagskonzert eben.

 
  Termin:

Ort:

Preise:

Karten:


Künstler:



Musik:



gefördert durch:
Sonntag, 29. März 2009, 17 Uhr

Evangelische Kirche Witzhelden

15 €, ermäßigt 7 €. Kinder und Musikschüler frei

unter 02 21 / 9 42 04 30 und an der Abendkasse


>> Minguett Quartett
>> Herbert Callhoff


J.W. Wilms, Streichquartette g-Moll op. 25/1, A-Dur op. 25/2
H. Callhoff, Streichquartett Nr. 7










>> Programmheft (1,4 MB)
  >> Routenplaner

 

Rezensionen
Tauftagskonzert

Einklang von Harmonie und Dissonanz


Eine mutige "Internationale Johann Wilhelm Wilms Gesellschaft" hat anlässlich des Tauftages des berühmten Komponisten ein Konzert der Gegensätze präsentiert. Somit gelang es ihr, in der evangelischen Kirche in Witzhelden ein Spagat zwischen Romantik und Moderne zu volbringen.

Es war ein Spätnachmittag der Gegensätze, ein Dahinschwingen zwischen Fröhlichkeit und dunklen Ahnungen, zwischen Harmonie und Dissonanz, zwischen Leben und Tod. Mutig, was die „Internationale Johann Wilhelm Wilms Gesellschaft“ da für das Tauftagskonzert für Johann Wilhelm Wilms am Sonntag in der evangelischen Kirche in Witzhelden zusammengestellt hatte. Zu Beginn und am Ende des hochkarätigen Konzerts standen die beiden Streichquartette 25 in g-Moll und A-Dur des wohl berühmtesten Komponisten des Bergischen Lands, der in Witzhelden geboren und getauft wurde und später vor allen Dingen in den Niederlanden eine Komponisten-Karriere hinlegte.

„Musik entsteht durch die Klänge aufeinander folgender Töne, miteinander übereinstimmend und verbunden nach den Gesetzen der Schönheit“, sagte Wilms 1822 in Amsterdam, und der Akteur des Konzerts, das Minguet Quartett, stellte seine Interpretation ganz in den Dienst des Komponisten, in den Dienst der Romantik mit ihrer köstlichen Melodik, die mal leichtfüßig, mal rauschend daherkam. Das Leben ist rund, das Leben ist gut, war der Tenor. Dunkle Schatten gibt's, aber sie sorgen nicht für Depression, sie werden von Glück förmlich weggespült. Ja, und dann kam das Streichquartett Nr. 7 von Herbert Callhoff.

Uraufführung

Es wurde an diesem Sonntag erstmals aufgeführt, mit seinen rasant wechselnden Takten, mit seinen rasant wechselnden Tempi: Die Moderne kennt keine Zeit des Ausruhens. Ein kurzes Glück war zu hören. Aber bitte Vorsicht! Der nächste Tsunami kam und fegte alles fort. Schön, dass die Wilms-Gesellschaft den Zuhörern mit einem Gespräch zwischen Callhoff selbst und dem Vorsitzenden der Gesellschaft, Ernst A. Klusen, Erklärungen anbot. Danach war vieles dieser expressiven, spitzen und avantgardistischen Klänge deutlicher als zuvor. Was kommt nach dem Tod? Diese Frage steht im Mittelpunkt der Callhoff-Komposition. Und so einfach die Frage, so kompliziert die Antworten: Vielleicht ist's was Geheimnisvolles, vielleicht der Himmel, vielleicht die Hölle.

„Aber auf alle Fälle ist es etwas Neues“, sagte Callhoff in seinen Erklärungen. Und er hielt nicht damit hinterm Berg, dass er mit den musikalischen Hochseilartisten, dem Minguet-Quartett, „sehr zufrieden“ war. Für die Musiker selbst sicherlich ein noch größeres Lob als der Applaus eines begeisterten Publikums. (Ulla Johnen)

Quelle: Kölner Stadt-Anzeiger, 31.03.2009

Musikalische Abschiedsbilder

TAUFTAGSKONZERT

Eine Uraufführung im „Alten vom Berge“.


Nichts gibt es in der Musik, was so todtraurig wäre, wie die Arie der Pamina aus der Zauberflöte. Sie steht in g-Moll. Diese Tonart benutzte auch Johann Wilhelm Wilms für sein Streichquartett Opus 25 Nr. 1. Sein Quartett allerdings klingt nicht tieftraurig, vielmehr deutet es ein liebevolles Gedenken an, als blätterten wir in einem Album mit Bildern von Menschen, die uns einst teuer waren.

Das Minguet Quartett spielte das stimmungsvolle Werk zur Wiederkehr des Tauftages von Wilms (1772-1847) in der Evangelischen Kirche. Es war schon das siebte der Tauftagskonzerte, die von der Internationalen Johann Wilhelm Wilms Gesellschaft veranstaltet werden. Ulrich Isford und Annette Reisinger, Violinen, Aroa Sorin, Viola, und Matthias Diener, Violoncello, die sich 1988 zum Minguet Quartett zusammenfanden, haben inzwischen internationalen Ruhm erworben und sind in allen bedeutenden Konzertsälen zu Hause. Harmonie und Klangschönheit ihres Spiels sind bewundernswert.

Mit dem Tod hat auch das Streichquartett Nr. 7 von Herbert Callhoff zu tun, welches im Höhendorf seine Uraufführung erlebte. Der Komponist, von 1995 bis 1998 Rektor der Robert-Schumann-Hochschule in Düsseldorf, schuf hier ein Werk des Abschieds. Im kontemplativen 1. Satz „tranquillo“ wird im Tremolo der Geigen leise Todesfurcht spürbar, das „Allegro vivace“ bringt ein Aufbäumen und das „Adagio“ verliert sich am Ende im Unhörbaren. Die brillante Wiedergabe beeindruckte die Zuhörer.

In freundlichem A-Dur steht Wilms’ Quartett Opus 25 Nr. 2. Auch hier vermeidet der Komponist Überschwang und bewahrt klassisches Maß. Die hübsche Polonaise am Ende sorgte für einen vergnüglichen Ausklang. (KG)

 Quelle: Solinger Tageblatt, 31.03.2009